Russland erpresst Sri Lanka infolge des Asbestverbots wirtschaftlich – Empörung seitens internationaler Gewerkschaften

09 January 2018 06:23

 

Internationale Gewerkschaften, allen voran der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) und der globale Gewerkschaftsbund Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI), haben sich mit verschiedenen Gesundheitsorganisationen zusammengeschlossen. Dazu gehören unter anderem Opfergruppen, die weltweit Arbeitnehmer und ihre Familien vertreten, die unter durch Asbest verursachten Erkrankungen leiden. Gemeinsam bringen sie ihre Empörung über die von der russischen Regierung ausgeübte wirtschaftliche Erpressung Sri Lankas zum Ausdruck.

Am 18. Dezember 2017 stellte Russland abrupt den Import von Tee aus Sri Lanka ein, was der Wirtschaft des Landes größeren Schaden zufügte. Nur zwei Tage später kündigte die sri-lankische Regierung ihre Entscheidung an, das Importverbot von Asbest aus Russland zu verzögern.

Im Vorfeld hatte Sri Lanka angekündigt, den Import von Asbest ab 1. Januar 2018 allmählich auslaufen zu lassen, um ihn im Jahr 2024 vollständig einzustellen.

IGB-Generalsekretärin Sharan Burrow, erläutert: „Einem Land den Import von Chrysotilasbest aufzuerlegen, welches sich gegen den Einsatz der Substanz ausgesprochen hat, ist kein fairer Handel sondern kommt fahrlässiger Tötung gleich. Weltweit sind Gewerkschaften entsetzt über diesen zynischen wirtschaftlichen Erpressungsversuch. Russland hat nicht das Recht und es wird ihm nicht gestattet, faire Handelsbestimmungen zu umgehen.”

"Der verzweifelte Versuch seitens Russland, die Fortsetzung der Handelsbeziehungen im Hinblick auf die lebensgefährliche Substanz Asbest durch Zwang zu bewirken, muss aufs Schärfste verurteilt und unterbunden werden, erklärt Fiona Murie, globale Direktorin der BHI für den Bereich Gesundheit und Sicherheit im Bausektor. „Wir sind besorgt um die Arbeitnehmer und die Gemeinschaften, die dieser krebserregenden Substanz ausgesetzt sind. Wir rufen die sri-lankische Regierung dazu auf, nicht von ihrer Entscheidung abzulassen und Chrysotilasbest so schnell wie möglich zu verbieten,“ so Fiona Murie.

Der Nationale Gewerkschaftsbund Sri Lankas (NTUF) hat die Regierung des Landes dazu aufgefordert, den bereits angekündigten Zeitplan für das Asbestverbot einzuhalten und sich nicht dem durch Russland ausgeübten Druck zu beugen.

"Als großes Land übt Russland auf einen schwächeren Handelspartner unverhohlenen Druck aus. Es ist bedauerlich, dass die sri-lankische Regierung diesem Druckmittel nachgeben muss und den Import der gefährlichen Substanz aus Russland akzeptiert hat. Der NTUF ruft die sri-lankische Regierung dazu auf, der von den asbestexportierenden Ländern und allen voran Russland propagierten Theorie des „sicheren Gebrauchs“ von Chrysotilasbest keinen Glauben zu schenken. Vielmehr sollte die Regierung bei ihrer Entscheidung eines vollumfänglichen Verbots bis zum Jahr 2024 bleiben,“, so NTUF-Generalsekretär Padmasiri Ranawakaarachchi.

Sugio Furuya, Generalsekretär des Japanischen Zentrums für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz (JOSHRC) und Koordinator des Asiatischen Netzwerks für das Asbestverbot (ABAN) wies die Behauptung der Asbestindustrie und des russischen Botschafters in Sri Lanka, dass es sich bei Chrysotilasbest um keine krebserregende Substanz handele, aufs Schärfste zurück.

“Durch Asbest verursachte Krankheiten sind weltweit in erster Linie auf Chrysotilasbest zurückzuführen. Wie andere Asbestarten auch, kann es ohne jeden Zweifel Lungen- oder Kehlkopfkrebs, Tumoren an Rippen- und Bauchfell (Mesotheliom), Narbenbildung in der Lunge (Asbestose), oder Eierstockkrebs hervorrufen. Es ist erwiesen, dass Chrysotil in direktem Zusammenhang mit verschiedenen Krebsarten steht. Diese wurden von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) dokumentiert[1]”, so Sugio Furuya.  “Wir fordern die sri-lankische Regierung dazu auf, in dieser Angelegenheit bei der Welthandelsorganisation (WTO) eine Beschwerde gegen Russland einzureichen. So liegt infolge des Musterprozesses aus dem Jahr 2001 bereits ein Präzedenzfall bei der WTO vor. Damals reichte Kanada eine Beschwerde gegen die Europäische Union im Zusammenhang mit dem Asbestverbot in Frankreich ein. So wurde in Anlehnung des Artikel XX(b) des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) entschieden, dass Länder das Recht zum Verbot von Asbest haben „um das Leben und die Gesundheit von Menschen zu schützen,“ erläutert Furuya. 

"Wir sind entsetzt darüber, dass eine solche offenkundige wirtschaftliche Erpressung in den kommenden Jahren zu einem Anstieg von durch Asbest verursachten Todesfälle in Sri Lanka führen wird. Dies wäre nicht der Fall, wenn das Land wie geplant im Januar dieses Jahres damit begonnen hätte, den Import allmählich auslaufen zu lassen,“ erklärt Kate Lee, Geschäftsführerin von Union Aid Abroad – APHEDA, der humanitären Hilfsorganisation des australischen Gewerkschaftsdachverbands ACTU. „Den Einschätzungen von Wissenschaftlern zufolge, hat es in Sri Lanka allein im Jahr 2016 Hunderte von durch Asbest verursachte Todesfälle gegeben. Durch den umfangreichen Einsatz von Asbest in der jüngsten Vergangenheit und der Tatsache, dass die Bevölkerung der Substanz stärker ausgesetzt ist, wird die Zahl der Todesfälle in den kommenden Jahrzehnten mit Sicherheit erheblich ansteigen,“ so Kate Lee.


Sowohl die Weltgesundheitsorganisation WHO wie auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vertreten klare Positionen im Hinblick auf die lebensbedrohliche Beschaffenheit von Chrysotilasbest. Die WHO hat zahlreiche Stellungnahmen herausgegeben, in denen deutlich wird, dass die effizienteste Art und Weise der Eliminierung von durch Asbest verursachten Krankheiten darin besteht, den Einsatz sämtlicher Asbestarten zu stoppen. 

“Wir bringen den sri-lankischen Gewerkschaften und Politikern, die sich dem Aufhalten des Asbestverbots in den Weg stellen und die sri-lankische Regierung dazu auffordern, an ihrer Entscheidung festzuhalten, unsere Anerkennung zum Ausdruck. So drückten sich der Parlamentsabgeordnete Ven. Athuraliye Rathana Thera und der sri-lankische Gewerkschaftsbund NTUF klar dafür aus, dass die Entscheidung für den allmählichen Asbestausstieg aufrecht erhalten bleibt,“ erklärt Laurie Kazan-Allen, Koordinatorin des Dachverbandes für ein weltweites Asbestverbot (International Ban Asbestos Secretariat -IBAS). So erklärt sie: „Diese Vorgehensweise Russlands, dem weltweit größten Exportland der tödlichen Substanz, bedarf einer genauen Untersuchung. Wir fordern die WHO und die ILO dringend dazu auf, den Fall gründlich zu prüfen und über ihre Ergebnisse Bericht zu erstatten. Schließlich stehen so viele Menschenleben auf dem Spiel.